“Schwer verliebt“ – wie Sat.1 mit seiner kontroversen Kuppelshow eine Pleite erlebte

Fernsehsendungen, in denen die Teilnehmer nach einem Partner fürs Leben suchen, gibt es seit vielen Jahrzehnten. Umso schwieriger mag es dabei für die einzelnen Sender sein, sich von vergleichbaren Angeboten abzugrenzen. Als Sat.1 im Jahre 2011 aber das Format „Schwer verliebt“ entwickelte und einmal wöchentlich ausstrahlte, erlebte die private Rundfunkanstalt eine Bauchlandung. Die Kritik überragte bald die Einschaltquoten.

Was lange währt, wird endlich gut

Eigentlich lief für den deutschen Fernsehsender Sat.1 im Herbst des Jahres 2011 alles in die richtige Richtung. Nach langer Suche hatte man schließlich ein Konzept für eine neue Realityshow gefunden. Denn während RTL als großer Konkurrent derlei Formate zu jener Zeit bereits erfolgreich vermarktete und mit der Sendung „Bauer sucht Frau“ ein echtes Zugpferd sowie einen Garanten für hohe Einschaltquoten verantwortete, sah es bei Sat.1 in dieser Sparte über mehrere Jahre hinweg mau aus.

Doch dann kamen die eigenen Entwickler mit einer Idee an, die zunächst interessant klang und die einiges Potenzial besaß: Unter dem Namen „Schwer verliebt“ sollten vor allem Angehörige von Minderheiten sowie Außenseiter mit ein wenig Unterstützung durch den Sender die große Liebe finden. Im November 2011 strahlte Sat.1 die erste Folge aus.

Kandidaten mit Identifikationspotenzial

Zugegeben, es gehört sich nicht, Menschen nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Für „Schwer verliebt“ castete der Fernsehsender aber hauptsächlich Personen, die nicht zwingend als attraktiv oder gar als sexy angesehen wurden. Vielmehr lag das Ziel darin, einen Querschnitt der Gesellschaft zu repräsentieren. Das sollten also Teilnehmer mit Übergewicht, mit kleineren körperlichen und geistigen Schwächen oder mit liebevollen Eigenarten sein. Nicht gewünscht waren dagegen jene Hochglanzmodelle, die bereits in anderen Kuppelshows den Partner fürs Leben suchten.

Wer das Casting überstanden hatte, durfte sich vor laufender Kamera mit Gleichgesinnten treffen. Oft bestand eine Sendung aus einem Date in einem Restaurant, dem ein gemeinsames Erlebnis – etwa im Kino, im Vergnügungspark oder im Zoo – folgte, ehe sich die Kandidaten für oder gegen ein weiteres Treffen entscheiden mussten.

Die erste Kritik ließ nicht lange auf sich warten

Tatsächlich gelang es Sat.1 auf diese Weise, einmal wöchentlich ein Millionenpublikum vor die Fernsehgeräte zu locken. Für die ersten beiden Staffeln des neuen Formats erreichte man jeweils Einschaltquoten knapp über der Marke von zehn Prozent. Für die damalige Zeit ein beachtlicher Erfolg. Die öffentliche Resonanz auf die Show fiel indes nicht nur positiv aus. Erste Kritik regte sich bereits daran, dass die meisten Kandidaten vor der Teilnahme einem Umstyling unterzogen wurden, indem sie neben Modetipps auch Hinweise zum Make-up oder der Frisur erhielten. Die zunächst gesuchten Außenseiter mussten sich nun also doch dem Mainstream anpassen. Die Botschaft dahinter: Anders wird es nicht gelingen, für diese Menschen die große Liebe zu finden.

Dem starken Start folgte der rasante Absturz

Und bei dem Kritikpunkt blieb es nicht, denn immer mehr fiel auf, dass das Casting von Sat.1 nicht nur Personen mit sympathischen Marotten auswählte, sondern bevorzugt auf Menschen zurückgriff, die geistig kaum in der Lage waren, die Reichweite eines Auftritts in der Sendung zu überschauen. Vielfach handelte es sich um Personen mit eingeschränkten mentalen Fähigkeiten oder mit psychischen Erkrankungen.

Der Vorwurf an den Sender ging schnell in jene Richtung, dass mit gesellschaftlich brisanten Themen wie der Mental Health hier nicht sensibel genug umgegangen würde. Vielmehr müssten die Kandidaten befürchten, in „Schwer verliebt“ regelrecht vorgeführt zu werden. Zumal Sat.1 in seinen weiteren Sendungen im Tagesprogramm immer wieder die Teilnehmer bloßstellte und auf ihre in der Kuppelshow begangenen Fehler hinwies.

Die Sendung entwickelte sich zum Skandal

Sat.1 unternahm zunächst wenig, um auf die kritischen Stimmen einzugehen. Mehr Gehör fand in der öffentlichen Debatte allerdings Jan Böhmermann, der in seiner Show „Roche & Böhmermann“ im Jahre 2012 nicht nur das Konzept hinter „Schwer verliebt“ angriff, sondern zugleich die Moderatorin Britt Hagedorn in die Verantwortung nahm. Sie sei daran beteiligt, dass sich die Gesellschaft über einzelne Außenseiter lustig mache und so deren psychisch häufig ohnehin bereits labilen Zustand noch mehr beschädige.

Als die Einschaltquoten zum Ende der zweiten Staffel spürbar fielen, kündigte Hagedorn – wohl auch unter dem Eindruck der anhaltenden Kritik – an, für eine Fortsetzung der Show nicht zur Verfügung zu stehen. Ihren Platz sollte der einstige Volksmusiker Maxi Arland übernehmen.

Das Ende kam nach der dritten Staffel

Auch Arland gelang es allerdings nicht, das in Schieflage geratene TV-Format noch zu retten. Zu hartnäckig hielt sich der Vorwurf, Personen mit physischen oder psychischen Handicaps würden der sensationslüsternen Meute regelrecht zum Fraß vorgeworfen. Dass Sat.1 zu jenem Zeitpunkt bereits Coaches und Therapeuten in seine Sendung eingeladen und den Teilnehmern als Unterstützung zur Verfügung gestellt hatte, änderte daran nichts mehr.

Fang an, dich selbst zu lieben, ehe du einen Partner für das Leben suchst – so klang sinngemäß einer der sicherlich gut gemeinten Ratschläge an eine Kandidatin, der damit schonend beigebracht werden sollte, dass sich niemand mit ihr treffen wollte. Sat.1 beendete „Schwer verliebt“ nach der dritten Staffel im Jahre 2014, als die Einschaltquoten deutlich unter die Marke der zehn Prozent gefallen waren. Bei nachfolgenden Konzepten ging die Sendeanstalt spürbar sensibler vor.